Roque Nublo – der Wolkenfels und seine Geschichten

Es gibt auf Gran Canaria Orte, die man erklären kann, und Orte, die man erlebt haben muss. Der Roque Nublo gehört zur zweiten Kategorie. Man steht davor, der Fels ragt gut 80 Meter senkrecht über einem auf, der Wind pfeift, manchmal hüllen Wolken die Spitze ein – und man begreift auf einmal, warum dieses Stück Basalt Millionen von Jahren überlebt hat, warum die Guanchen hier ihre Opfer darbrachten, warum der kanarische Dichter Néstor Álamo es einen „lyrischen Mondfels“ nannte und warum drei deutsche Ingenieure 1932 ihre Freizeit damit verbrachten, auf diesen Felsen zu klettern, anstatt am Strand zu liegen.

Blick auf den Roque Nublo auf Gran Canaria – das Wahrzeichen der Insel erhebt sich auf 1.813 Metern über dem Meeresspiegel.
Blick auf den Roque Nublo auf Gran Canaria – das Wahrzeichen der Insel erhebt sich auf 1.813 Metern über dem Meeresspiegel.

Der Roque Nublo ist mit 1.813 Metern über dem Meeresspiegel die drittgrößte Erhebung Gran Canarias – nach dem Morro de la Agujereada (1.956 m) und dem Pico de las Nieves (1.949 m). Bekannter als beide ist er trotzdem. Sichtbar von der Küste, Mittelpunkt des Zentralmassivs, Symbol der Inselidentität: Es gibt kein anderes Motiv auf Gran Canaria, das so oft fotografiert, so oft gemalt und so oft in Lied und Dichtung besungen wurde.

Steckbrief Roque Nublo

Höhe über Meeresspiegel1.813 m – drittgrößte Erhebung Gran Canarias
Höhe des FelsblockesCa. 80 m (senkrecht aufragender Monolith)
LageGemeinde Tejeda; Parque Rural del Nublo
GesteinstypPhonolith-Breccie (Basaltbrekzie) – „Ciclo Roque Nublo“
Vulkanische EntstehungVor 4,2–4,6 Mio. Jahren; Ausbrüche ~1,5 Mio. Jahre; Ende vor ~3 Mio. Jahren
SchutzstatusMonumento Natural del Roque Nublo (451,8 ha); Teil Parque Rural del Nublo (263 km²)
UNESCOBiosphärenreservat seit 29.06.2005; UNESCO-Weltkulturerbe „Risco Caído“ seit 2019
Erstbesteigung20. Juni 1932; Ranschert, Langenbacher, Wolffschmitt (deutsche Ingenieure); Route: Vía del Alemán
Zugang Wanderweg S-70Reservierungspflicht Mo–So 10:00–17:00 Uhr; reservasroquenublo.com; max. 300 Pers./Tag

Wie der Roque Nublo entstand – Geologie eines Vulkanriesen

Der ursprüngliche Vulkan

Der Roque Nublo ist kein Vulkankegel, kein aufgeschütteter Berg und keine zufällige Felsformation. Er ist das härteste Überbleibsel eines Vulkankomplexes, der Gran Canaria einst in ein Gebirge verwandelte, das es heute so nicht mehr gibt. Vor etwa 4,2 bis 4,6 Millionen Jahren begann eine neue Vulkanphase auf der Insel – die zweite große Eruptionsphase nach dem älteren Grundgebirge des Miozäns. Dicke mafische Lavaströme brachen aus, strömten bis zu 20 Kilometer zur Küste, überlagerten erodierten älteren Untergrund.

Die Ausbrüche dauerten rund 1,5 Millionen Jahre an. Mit der Zeit veränderte sich das geförderte Gestein: Es wurde zunehmend zu Trachyt und Phonolith – silikatreicher, zähflüssiger, explosiver. Die Eruptionen im Gipfelbereich des entstehenden Vulkans produzierten brekzienartige Ignimbritablagerungen – Glutwolken, die beim Abkühlen zu Gestein erstarrten. Das Gesamtvolumen dieses Vulkankomplexes wird auf rund 200 Kubikkilometer geschätzt; seine Höhe dürfte zumindest 2.500 Meter, möglicherweise deutlich über 3.000 Meter betragen haben.

Roque Nublo – der Wolkenfels
Ausblick von Weitem auf den Roque Nublo auf Gran Canaria – der Fels ist von der gesamten Insel aus sichtbar.

Das Ende und der Härtling

Vor etwa 3 Millionen Jahren endeten die Ausbrüche. Phonolithische Schlotpfropfen – das letzte aufgestiegene Magma – verfestigten sich tief im Vulkanschlot. Dann begann, was Millionen Jahre dauert: Erosion. Regen, Frost, Wind, Temperaturschwankungen, Erdrutsche – das weichere Umgebungsgestein wurde abgetragen, Schicht für Schicht. Was blieb, sind die härtesten Kerne: die Roque-Nublo-Gruppe. Geologen bezeichnen diese Formation als Härtling – ein ehemaliger Vulkanschlotpfropfen aus Phonolith-Breczie, dem die Erosion weniger anhaben konnte als dem umgebenden Material. Das Ergebnis: ein gut 80 Meter hoher Felsblock, der aus einem Hochplateau auf 1.700 Metern in den Himmel ragt.

Diese Gesteinsformation ist so einzigartig, dass die gesamte Vulkanphase nach ihr benannt wurde: „Ciclo Roque Nublo“ – der Roque-Nublo-Zyklus. Das Gestein selbst heißt in der Fachliteratur „Roque-Nublo-Breczie“.

Der Fraile, die Rana und der Roque de San José – die Familie des Nublo

Der Roque Nublo steht nicht allein auf seinem Plateau. Wer ihn umrundet, begegnet seinen Geschwistern – alle aus demselben Vulkankomplex, alle auf dieselbe Weise durch Erosion freigelegt:

Die Felsstatue El Fraile – der Mönch – neben dem Roque Nublo (rechts). Beide sind Relikte desselben Vulkankomplexes.
Die Felsstatue El Fraile – der Mönch – neben dem Roque Nublo (rechts). Beide sind Relikte desselben Vulkankomplexes.
El Fraile (der Mönch)Kleinerer Felsblock direkt neben dem Nublo; von bestimmten Winkeln wie eine verhüllte Gestalt wirkend; gleiche Gesteinsformation
La Rana (der Frosch)Flacherer Felsblock, der von der richtigen Seite einem kauernden Frosch ähnelt; Teil der Roque-Nublo-Gruppe
Roque de San JoséWeiterer erodierter Vulkanschlot in unmittelbarer Nähe; markante Form
Cueva de Roque NubloNatürliche Felsenhöhle am Fuß des Roque Nublo; durch Erosion entstanden
Die Felsen Roque de San José, El Fraile (der Mönch), La Rana (der Frosch) und Roque Nublo (von l. nach r.)
Die Felsen Roque de San José, El Fraile (der Mönch), La Rana (der Frosch) und Roque Nublo (von l. nach r.)

Das Plateau rund um Roque Nublo, Fraile und Rana ist kein Gipfel im alpinen Sinne – es ist ein weitläufiges Hochplateau auf rund 1.700 Metern Höhe, umgeben von Kiefernwald, mit freiem Blick in alle Himmelsrichtungen. An klaren Tagen sieht man von hier den Teide auf Teneriffa, Fuerteventura, La Gomera, El Hierro und La Palma. Das Panorama ist vollständig, der Horizont endlos.

Der Roque Nublo in der Welt der Guanchen

Kultplatz und heiliger Berg

Für die Guanchen – die Ureinwohner Gran Canarias, die wahrscheinlich berberstämmig waren und vermutlich im ersten Jahrtausend vor Christus auf die Insel kamen – war der Roque Nublo kein geologisches Phänomen, sondern ein heiliger Berg. Das leicht abgeschrägte Plateau um den Fels diente als Kultplatz, auf dem dem Sonnengott Acoran geopfert wurde. Der Roque Nublo war von überall auf der Insel sichtbar – ein permanenter Orientierungspunkt in einer Welt ohne Karten, ein natürlicher Altar über allem.

Das Naturmonument Roque Nublo auf Gran Canaria – für die Guanchen ein heiliger Berg und Kultplatz des Sonnengottes.
Das Naturmonument Roque Nublo auf Gran Canaria – für die Guanchen ein heiliger Berg und Kultplatz des Sonnengottes.

Die Guanchen lebten in zwei Königreichen – Gáldar im Westen und Telde im Osten. Das Zentralmassiv war das Herzland beider: Hier lagen die Viehweiden, die Getreidespeicher der Barrancos, die Versammlungsplätze und die heiligen Stätten. Der Roque Bentayga, vier Kilometer entfernt, war ein Almogarén – ein Versammlungs- und Opferplatz mit ausgehauenen Schalen und Ritualflächen. Roque Nublo und Roque Bentayga bildeten zusammen das sakrale Zentrum der Insel.

Das UNESCO-Weltkulturerbe Risco Caído

2019 erkannte die UNESCO das Ensemble der „Heiligen Berge und prähistorischen Stätten Gran Canarias“ als Weltkulturerbe an – unter dem Namen „Risco Caído und die Heiligen Berge von Gran Canaria“. Zum Schutzgebiet gehören der Roque Bentayga, die Höhlenwohnungen und Kultplätze von Acusa Seca, die Cueva Pintada in Gáldar und der gesamte Parque Rural del Nublo. Der Roque Nublo ist das sichtbarste Symbol dieses Ensembles.

Das Bergpanorama vom Risco La Fogalera im Naturpark Roque Nublo zeigt den Roque Bentayga inmitten der Bergwelt Gran Canarias.
Das Bergpanorama vom Risco La Fogalera im Naturpark Roque Nublo zeigt den Roque Bentayga inmitten der Bergwelt Gran Canarias.

Was der Roque Nublo in Kunst und Literatur bedeutet

Néstor Álamo – der Dichter des Nublo

Der kanarische Komponist und Schriftsteller Néstor Álamo beschrieb den Roque Nublo in Worten, die über reine Geographie hinausgehen: Er nannte ihn „Lírica piedra lunar“ – lyrischer Mondfels – und „Altar de mi tierra maga“ – Altar meines bezaubernden Heimatlandes. In kanarischen Volksliedern, darunter dem bekannten „Sombra del Nublo“ (Schatten des Wolkenfelsens), ist der Fels bis heute präsent – als Sinnbild für die Inselidentität, für das Bleibende in einer Welt des Wandels.

Der Historiker Millares und die Vulkanbeschreibung

Auch die Naturwissenschaft hat ihre Lyrik. Der kanarische Historiker D. Agustín Millares beschrieb Ende des 19. Jahrhunderts die geologische Entstehung des Roque Nublo mit einer Sprache, die eher an einen Augenzeugenbericht erinnert als an ein wissenschaftliches Protokoll: „hysterische Erderschütterungen, schreckliche Knalle, dichte Regenfälle aus kochendem Sand, die die Atmosphäre verfinsterten, flüssige Bäche geschmolzener Lava, die sich in allen Richtungen kreuzen, titanische Verschiebungen.“ Er hatte recht – nur hatte sich das alles eben vor 3 bis 4 Millionen Jahren abgespielt.

Blick durch einen Felsbogen auf den Roque Nublo.
Blick durch einen Felsbogen auf den Roque Nublo.

Die Erstbesteigung 1932 – drei Deutsche auf dem Wolkenfels

Wer den Gipfelfelsen des Roque Nublo besteigen will, braucht mehr als Wanderschuhe. Der Felsblock ist gut 80 Meter hoch und bis heute ein anspruchsvolles Klettergebiet. Bis zum 20. Juni 1932 hatte ihn noch niemand bezwungen – und dann kamen drei deutsche Ingenieure, die eigentlich wegen des Ausbaus des Hafens von Las Palmas auf der Insel waren.

Die Namen: Ranschert, Langenbacher und Wolffschmitt. Ihre Route durch die Südostflanke – technisch bewertet V+ A0 – trugen sie als „Vía del Alemán“ (Weg des Deutschen) in die Geschichte ein. Heute ist die schwierigste Route am Roque Nublo nach ihnen benannt: die Vía del Alemán (7b+) durch die Südostflanke. Das Klettern am Roque Nublo ist heute ohne besondere Genehmigung des Cabildo de Gran Canaria nicht erlaubt; der Fels steht unter strengem Naturschutz.

Der Roque Nublo heute – Naturschutz und Zugangsregeln

Das Monumento Natural

Seit 1993 steht der Roque Nublo unter dem höchsten Schutzstatus der Kanarischen Inseln: Monumento Natural. Das Schutzgebiet umfasst 451,8 Hektar und den gesamten Bergkomplex. Es ist Teil des Parque Rural del Nublo, der über 263 Quadratkilometer des Zentralmassivs schützt. Kein Klettern, keine Feuerstellen, keine Hunde ohne Leine, kein Wildcampen – die Schutzregeln sind streng und werden kontrolliert.

Aufstieg aufs Plateau des Roque Nublo – seit Februar 2025 ist die Route S-70 ab der Degollada de La Goleta reservierungspflichtig.
Aufstieg aufs Plateau des Roque Nublo – seit Februar 2025 ist die Route S-70 ab der Degollada de La Goleta reservierungspflichtig.

Reservierungspflicht seit Februar 2025

Seit dem 3. Februar 2025 gilt für die klassische Wanderroute S-70 ab der Degollada de La Goleta eine Reservierungspflicht. Der Hintergrund: In Spitzenzeiten kamen bis zu 2.000 Besucher täglich, der Weg wurde breiter getrampelt, die Vegetation litt. Die neuen Regeln deckeln die Besucherzahlen auf maximal 300 Personen pro Tag (60 pro Stunde), Mo–So zwischen 10:00 und 17:00 Uhr. Buchung kostenlos auf reservasroquenublo.com oder grancanariasenderos.com. Vor und nach dieser Zeit ist der Zugang ohne Reservierung möglich.

Reservierungreservasroquenublo.com · grancanariasenderos.com.
GültigMo–So 10:00–17:00 Uhr
KapazitätMax. 60 Pers./Stunde · max. 300 Pers./Tag
PreisKostenlos
ShuttleTejeda (30 Min.) oder Cruz de Los Llanos (10 Min.); alle 30 Min. ab 09:30 Uhr
ParkenVerboten am Startpunkt; Park-and-Ride Tejeda und Cruz de Los Llanos

Wer keine Reservierung hat und zwischen 10:00 und 17:00 Uhr kommt, wird am Eingang umgekehrt. Vier alternative Routen zum Roque Nublo erfordern keine Reservierung – über Risco de la Fogalera, Barranco del Agua, Barranco del Nublo oder El Montañón. Diese Routen sind anspruchsvoller, dafür deutlich ruhiger.

Häufige Fragen zum Roque Nublo

Wie hoch ist der Roque Nublo genau?

Der Gipfelblock des Roque Nublo erreicht 1.813 Meter über dem Meeresspiegel. Der Felsblock selbst ist etwa 80 Meter hoch und ragt über ein Plateau auf rund 1.700 Metern auf. Der Roque Nublo ist damit die drittgrößte Erhebung Gran Canarias – nach dem Morro de la Agujereada (1.956 m) und dem Pico de las Nieves (1.949 m). Bekannter als beide ist er trotzdem: Von der Küste aus ist er weithin sichtbar, der Pico de las Nieves und der Morro de la Agujereada nicht.

Was bedeutet der Name Roque Nublo?

Roque kommt vom kanarischen Begriff für markante Basaltformationen – senkrecht aufragende Felszacken. Nublo stammt vom spanischen nublado (bewölkt): Der Fels liegt so hoch, dass er häufig in Wolken gehüllt ist. Roque Nublo ist also wörtlich der Wolkenfels. Der Dichter Néstor Álamo nannte ihn Lírica piedra luna – lyrischer Mondfels – und Altar de mi tierra maga – Altar meines bezaubernden Heimatlandes.

Darf man den Roque Nublo besteigen?

Das Klettern auf den Gipfelfelsen des Roque Nublo ist ohne besondere Genehmigung des Cabildo de Gran Canaria nicht erlaubt. Der Fels steht unter dem Schutzstatus Monumento Natural. Kletterrouten existieren für lizenzierte Klettergruppen mit Genehmigung; die bekannteste ist die Vía del Alemán (7b+) durch die Südostflanke, benannt nach der deutschen Erstbesteigungsmannschaft von 1932.

Wann ist die beste Zeit für eine Wanderung zum Roque Nublo?

Oktober bis April – dann sind die Temperaturen auf dem Hochplateau (1.700 m) angenehm, die Luft klar, und die Chancen auf Teide-Sicht am besten. Im Sommer können Temperaturen am Plateau bis 25°C erreichen; im Winter (Dezember bis Februar) ist gelegentlich Schnee möglich. Früh morgens (vor 10:00 Uhr) ist die Route ohne Reservierung zugänglich und kaum besucht.

Was sind Fraile und Rana beim Roque Nublo?

El Fraile (der Mönch) ist ein kleinerer Felsblock direkt neben dem Roque Nublo, der von bestimmten Winkeln wie eine verhüllte Gestalt wirkt. La Rana (der Frosch) ist ein flacherer Felsblock, der einem kauernden Frosch ähnelt. Beide sind – wie der Roque Nublo selbst – ehemalige Vulkanschlotpfropfen aus Phonolith-Breczie, die durch Erosion freigelegt wurden und zur selben Roque-Nublo-Gruppe gehören.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: Juli 2026.

www.sunhikes.com