Flora und Fauna auf Gran Canaria – die Galapagos der Pflanzenwelt
Wissenschaftler haben einen Vergleich gezogen, der zunächst übertrieben klingt: Gran Canaria sei für die Studie der Flora das, was die Galapagosinseln für die Studie der Fauna sind. Er ist nicht übertrieben. Über 100 Pflanzenarten kommen ausschließlich auf Gran Canaria vor – nirgendwo sonst auf der Welt. Diese Konzentration von Endemiten auf einer Fläche von 1.560 Quadratkilometern ist weltweit einmalig.

Der Grund ist die Geschichte der Kanarischen Inseln: Während der Eiszeiten überlebten Pflanzenarten hier, die auf dem europäischen und nordafrikanischen Festland ausstarben. Gran Canaria wurde zu einem Refugium – ein lebendiges Naturarchiv, in dem Arten überleben, die anderswo längst verschwunden sind. Lorbeerwälder (Laurisilva), die einst ganz Südeuropa bedeckten, existieren heute nur noch in Fragmenten auf den Kanarischen Inseln und Madeira.
Flora – die Pflanzenvielfalt der Insel
Höhenzonierung der Vegetation
Gran Canarias Pflanzenwelt ist streng nach Höhenzonen gegliedert. Von der Küste bis zum Gipfel durchquert man auf 50 Kilometern Vegetation, die auf dem europäischen Kontinent Hunderte von Kilometern trennen würden:

| Zone | Vegetation |
|---|---|
| Küste (0–200 m) | Halophyten (salztolerante Küstenpflanzen); Tabaiba dulce (Euphorbia balsamifera); Meeresfenchel; Limonium-Arten |
| Unterhang trocken (200–600 m) | Cardonal-Tabaibal; Cardon (Euphorbia canariensis) bis 5 m hoch; Kleinia neriifolia; Agaven (eingeführt); Feigenkakteen (eingeführt) |
| Mittelhang (600–1.000 m) | Übergangszone; Zistrosengebüsch (Cistus symphytifolius); Hypericum canariense; erste Kiefern |
| Kiefernwald (1.000–1.500 m) | Pinus canariensis – Kanarische Kiefer; Erica arborea; Ilex canariensis; endemische Unterholzarten |
| Lorbeerwald (feuchte Lagen) | Laurisilva-Rest in Los Tiles de Moya; Laurus azorica; Ilex canariensis; Farne; Moose |
| Hochlagen (> 1.500 m) | Spärliche Gesteinsvegetation; Aeonium-Hauswurzen; Flechten; Argyranthemum-Margeriten |
Kanarische Kiefer – Pinus canariensis
Die Kanarische Kiefer (Pinus canariensis) ist der Charakterbaum der Hochlagen und eine der bemerkenswertesten Koniferenarten der Welt. Drei Eigenschaften machen sie einzigartig: Erstens überlebt sie Waldbrände, indem sie aus Schlafknospen unter der Rinde neu austreibt. Zweitens filtert sie mit ihren außergewöhnlich langen Nadeln (bis 30 cm) Feuchtigkeit aus den Passatwolken – sogenanntes Horizontalwasser, das wichtig für die Wasserversorgung der Insel ist. Drittens kann sie auf reinem Lavagestein ohne Boden keimen und wächst damit dort, wo keine andere Baumart überlebt.

Der Naturpark Tamadaba beherbergt einen der größten zusammenhängenden Kiefernwälder der Kanarischen Inseln: 2.000 Hektar Pinus canariensis auf über 1.000 Metern. In einem Teilbereich – dem feuchten Kiefernwald von Tamadaba – wächst eine Unterart, die im gesamten Archipel einmalig ist.
Der Lorbeerwald – Laurisilva
Der Lorbeerwald (Laurisilva) ist eine der ältesten Waldformationen der Welt. Er bedeckte einst große Teile Südeuropas und Nordafrikas – in den Eiszeiten starb er auf dem Kontinent aus. Auf den Kanarischen Inseln und Madeira überlebte er in Fragmenten. Auf Gran Canaria existiert der bedeutendste Rest in Los Tiles de Moya im Norden der Insel – ein feuchtes, moosbedecktes Waldstück, in dem Laurus azorica (Kanarischer Lorbeer), Ilex canariensis, Farne und Epiphyten ein einzigartiges Mikroklima bilden.

Der Drachenbaum Gran Canarias – Dracaena tamaranae
1999 wurde eine neue Drachenbaumspezies beschrieben, die ausschließlich auf Gran Canaria vorkommt: Dracaena tamaranae – der Drachenbaum Gran Canarias. Seit langem war bekannt, dass wild lebende Drachenbäume an den unzugänglichen Steilhängen und Felshängen im Südwesten der Insel vorkommen. Jahrzehntelang wurden sie mit dem bekannten Dracaena draco (dem kanarischen Drachenbaum der anderen Inseln) gleichgesetzt. Erst eingehende Untersuchungen ab den 1970er Jahren und die wissenschaftliche Beschreibung 1999 zeigten: Es handelt sich um eine eigene Art.

Dracaena tamaranae steht im nationalen Katalog bedrohter Arten unter dem Status „vom Aussterben bedroht“. Die Wildpopulation ist auf wenige Steilhänge im Südwesten der Insel beschränkt; Wiederaufforstungsprogramme versuchen die Art zu erhalten. Im Jardín Canario in Tafira sind Exemplare zu sehen.
Dracaena tamaranae wurde 1999 als eigenständige Art wissenschaftlich beschrieben und kommt ausschließlich auf Gran Canaria vor. Der Artname tamaranae erinnert an Tamarán, den alten Namen Gran Canarias aus der Zeit der Ureinwohner. Die wenigen natürlichen Bestände wachsen an schwer zugänglichen Steilhängen im Südwesten der Insel und gehören zu den seltensten Pflanzen Europas.
Die Euphorbia-Wälder – Cardonales
Die Cardonales – Wälder aus Euphorbia canariensis (Cardon) – sind das ikonische Bild der Trockenzone Gran Canarias. Diese Wolfsmilchgewächse erreichen bis zu fünf Meter Höhe und bilden auf den trockenen Süd- und Westhängen dichte, fast undurchdringliche Gesellschaften. Der Milchsaft (Latex) aller kanarischen Euphorbien ist hochgiftig – kein Tier frisst sie. Begleitet werden die Cardones von Tabaibas (kleinere Euphorbia-Arten) und Kleinia neriifolia.

Endemiten – die 100+ Exklusivarten Gran Canarias
Gran Canaria teilt rund 500 Pflanzenarten mit den anderen Kanarischen Inseln – aber mehr als 100 Arten kommen ausschließlich auf Gran Canaria vor. Diese Endemiten-Dichte macht die Insel zur botanischen Referenz für den gesamten Atlantik-Makaronesien-Raum.

| Art | Besonderheit |
|---|---|
| Dracaena tamaranae | Drachenbaum Gran Canarias; 1999 als neue Art beschrieben; vom Aussterben bedroht |
| Micromeria pineolens | Endemische Minze; nur im feuchten Kiefernwald Tamadaba |
| Bencomia exstipulata | Endemischer Strauch; Hochlagen des Zentralmassivs |
| Argyranthemum frutescens (lokale Unterarten) | Kanarische Margerite; mehrere endemische Unterarten auf GC |
| Aeonium (mehrere Arten) | Hauswurzen; dramatische Rosettenpflanzen; zahlreiche GC-Endemiten |
| Lotus berthelotii | Klebriger Hornklee; leuchtend rot; Hanglage Südwesten |
| Canarina canariensis | Palo Santo; kanarische Glockenblume; Lorbeerwald-Unterholz |
Fauna – die Tierwelt der Insel
Säugetiere – wenige, aber interessante
Gran Canaria hat keine großen einheimischen Landsäugetiere. Die Fauna der Insel war vor der Besiedlung durch den Menschen auf Fledermäuse und kleine Nagetiere beschränkt. Die heute auf der Insel lebenden Säugetiere – Ziegen, Esel, Schafe, Pferde, Katzen, Ratten – wurden allesamt vom Menschen eingeführt. Die Kanarische Spitzmaus (Crocidura canariensis) gehört zu den wenigen ursprünglich im Archipel heimischen Landsäugetieren. Sie kommt auf mehreren östlichen Kanarischen Inseln vor und ist damit ein Endemit des Archipels. Große einheimische Landsäugetiere existierten auf Gran Canaria dagegen nie.

Das Meer compensiert: Vor der Westküste Gran Canarias leben Große Tümmler (Tursiops truncatus) ganzjährig. Pilotwale, Brydeswale und – seltener – Pottwale sind in den Gewässern des Archipels dokumentiert. Delfin-Watching-Touren ab Puerto Rico und Puerto de Mogán haben eine sehr hohe Sichtungsquote.
Reptilien – die Gallotia-Eidechsen
Die Gallotia-Eidechsen sind die charakteristischsten Wirbeltiere der Kanarischen Inseln. Auf Gran Canaria kommen zwei endemische Arten vor:

| Art | Beschreibung |
|---|---|
| Gallotia stehlini (Rieseneidechse Gran Canarias) | Größte Eidechse der Kanarischen Inseln; bis 75 cm lang; Männchen mit gelblicher Kehle; Omnivore; besonders in felsigem Gelände des Südens und Westens |
| Gallotia galloti (Kanarische Eidechse) | Kleiner als stehlini; weit verbreitet; auf fast jedem Wanderweg zu sehen; dunkel-olivgrün |
Beide Gallotia-Arten spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem als Samenverbreiter – besonders für Kakteen und Euphorbien, deren Samen sie durch ihren Verdauungstrakt transportieren. Ohne die Eidechsen würden viele Pflanzenarten der Trockenzone auf der Insel nicht so weit verbreitet sein.

Weitere Reptilien: Drei endemische Geckoarten (Tarentola-Gattung) leben auf der Insel, darunter Tarentola boettgeri (Gran-Canaria-Gecko). Der Gran-Canaria-Gecko (Tarentola boettgeri) gehört zu den typischen nachtaktiven Reptilien der Insel. Tagsüber versteckt er sich zwischen Lavagestein und Mauerspalten, nach Sonnenuntergang geht er auf Insektenjagd und ist in vielen Dörfern und Gärten zu beobachten. Neben den Gallotia-Eidechsen zählt der Gran-Canaria-Gecko zu den charakteristischen Reptilien der Insel und ist vollständig harmlos.
Der kanarische Laubfrosch (Hyla meridionalis) ist in feuchten Schluchten und Barrancos verbreitet – man hört ihn meist eher als man ihn sieht.
Vögel – 48 Brutarten und Zugvogelroute
Gran Canaria beherbergt 48 Brutvogelarten – darunter mehrere Endemiten, die auf keiner anderen Insel vorkommen:

| Art | Beschreibung |
|---|---|
| Fringilla polatzeki (Gran-Canaria-Blaufink) | Endemit der Kiefernwälder von Inagua und Pilancones; einer der seltensten Singvögel Europas mit einer Population von nur wenigen tausend Tieren.; einer der seltensten Vögel Europas; ca. 3.000 Exemplare |
| Dendrocopos major thanneri (Kanarischer Buntspecht) | Endemische Unterart; in Kiefernwäldern; Tamadaba und Pilancones |
| Erithacus rubecula superbus (Kanaren-Rotkehlchen) | Größer und heller als das europäische Rotkehlchen; in feuchten Nordhang-Wäldern |
| Serinus canaria (Kanarienvogel – Wildform) | Grünlich-gelblich; in Lorbeerwäldern und Gärten; Ursprung aller Hauskanarien |
| Falco tinnunculus canariensis (Turmfalke) | Häufigster Greifvogel; auf jedem Wanderweg sichtbar |
| Buteo buteo insularum (Kanaren-Bussard) | In allen Höhenzonen; kreist auf Thermik über dem Zentralmassiv |
| Pterodroma feae (Fea-Sturmvogel) | Seltener Brutvogel an Steilklippen; auf Zugwegen sichtbar |
Gewusst?
Der weltweit bekannte gelbe Heimtier-Kanarienvogel stammt ursprünglich von diesem eher unscheinbaren grünlich-gelben Wildvogel der Kanaren ab. Erst durch jahrhundertelange Zucht in Europa entstanden die heute bekannten gelben Farbvarianten.

Dazu ist Gran Canaria eine wichtige Zugvogelstation auf dem Atlantischen Zug zwischen Europa und Afrika. In den Zugzeiten (September–November und März–Mai) rasten Millionen von Zugvögeln auf und rund um die Insel. Der Stausee Las Niñas und die Charca de Maspalomas (Brackwasserlagune) sind wichtige Rastplätze für Watvögel und Wasservögel.
Meerestiere und Unterwasserwelt
Die Meeresschutzgebiete Gran Canarias – allen voran die Reserva Marina El Cabrón bei Arinaga – gehören zu den artenreichsten Unterwasserwelten des Atlantiks. Die geographische Lage der Insel zwischen kaltem Kanaren-Strom aus dem Norden und warm-tropischen Atlantikwassermassen aus dem Süden schafft eine einzigartige Mischung von Meeresarten.

| Tiergruppe | Arten und Besonderheiten |
|---|---|
| Meeresschildkröten | Caretta caretta (Unechte Karettschildkröte); häufig im Meeresschutzgebiet El Cabrón; ganzjährig |
| Haie | Engelshai (Squatina squatina); Ammenhai; Katzenhai; Blauhai (offshore); Walhai (seltene Sichtungen) |
| Rochen | Nagelrochen (Dasyatis pastinaca); Tobaksrochen; Manta-ähnliche Teufelsrochen |
| Delfine | Großer Tümmler (Tursiops truncatus); ganzjährig vor der Westküste; Delfin-Watching ab Puerto Rico |
| Wale | Pilotwal (Globicephala macrorhynchus); Brydeswal; Pottwal (seltener); Blauwal (sehr selten, Offshore) |
| Fische | Papageienfische, Zackenbarsche, Muränen, Meeraale, Thunfische; Schwertfische (Offshore) |
| Kopffüßler | Tintenfische, Kraken, Sepien – häufig in Küstenfelsen |

Wo man die Natur Gran Canarias am besten erlebt
| Ziel | Was man findet |
|---|---|
| Jardín Canario (Tafira) | Größter botanischer Garten Spaniens; 3.000 Arten; Endemiten; kostenlos |
| Naturpark Tamadaba | Kanarische Kiefer; feuchter Kiefernwald; Roque Faneque; Vögel |
| Los Tiles de Moya | Letzter Lorbeerwald Gran Canarias; Farne, Moose, Epiphyten |
| Reserva Marina El Cabrón (Arinaga) | Bestes Schnorchelgebiet; Meeresschildkröten; Engelshai |
| Caldera de Bandama | Einbruchkrater; endemische Reptilien und Pflanzen; 20 Min. ab Las Palmas |
| Charca de Maspalomas | Brackwasserlagune; Zugvögel; Watvogelrastplatz; kostenlos |
| Parque Rural del Nublo | Zentralmassiv; endemische Hochlagenpflanzen; Fringilla polatzeki |

Häufige Fragen zu Flora und Fauna Gran Canarias
Warum hat Gran Canaria so viele endemische Pflanzen?
Gibt es gefährliche Tiere auf Gran Canaria?
Wo kann man Meeresschildkröten auf Gran Canaria sehen?
Was ist der Gran-Canaria-Blaufink?
Ist die kanarische Kiefer wirklich feuerfest?
Warum gibt es auf Gran Canaria so viele endemische Arten?
Wo lassen sich die endemischen Pflanzen Gran Canarias am besten entdecken?
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: Juli 2026.


