Ron Miel – wie ein Honigrum zur Inselidentität wurde
Es gibt auf Gran Canaria keinen langen Abend, der ohne eine kleine Flasche auf dem Tisch endet. Ron Miel – kanarischer Honigrum – ist der stille Abschluss jedes echten kanarischen Essens. Nicht weil ihn jemand ausdrücklich verlangt. Sondern weil er einfach dort steht, wenn man fertig gegessen hat, als wäre er selbstverständlich: süßlich, goldbraun, mit einem Honig-Rum-Aroma, das auf der Insel so natürlich wirkt wie der Atlantikwind.

Wer Ron Miel zum ersten Mal trinkt, versteht sofort, warum er das meistgekaufte Mitbringsel der Kanarischen Inseln ist: Er ist zugänglich. Kein Rum-Vorwissen nötig, keine Vorliebe für Hochprozentiges. Ein milder Likör mit echtem Honigcharakter, der weder zu süßlich noch zu alkoholisch ist. Und wer anfängt, die Geschichte dahinter zu verstehen, entdeckt, dass hinter dem Ron Miel eine Destilliertradition steckt, die seit 1884 in Arucas lebt.
Geschichte – vom Zuckerrohr der Conquista zum Likör der Gegenwart
Das 16. Jahrhundert: Zuckerrohr und die ersten Destillationen
Der Zuckerrohranbau auf den Kanarischen Inseln begann unmittelbar nach der spanischen Conquista im späten 15. Jahrhundert. Die Inseln lagen perfekt: atlantisches Klima, fruchtbare vulkanische Böden, strategisch zwischen den europäischen Märkten und den neu erschlossenen Routen nach Amerika. Gran Canaria war im 16. und frühen 17. Jahrhundert ein bedeutender Zuckerproduzent, bis die Karibik den kanarischen Zucker preislich unterbot.
Als Nebenprodukt der Zuckergewinnung entstand Melasse – und aus der Melasse wurde durch Gärung und Destillation der erste kanarische Rum: rauer Aguardiente de caña, der Seeleute und Arbeiter versorgte. Die Idee, diesen rauen Destillat mit Honig zu mischen, entstand wahrscheinlich bereits im 17. oder 18. Jahrhundert als Möglichkeit, den Alkohol zu mildern und haltbarer zu machen.
1884: Die professionelle Geburt in Arucas
Der entscheidende Schritt kam am 9. August 1884: Alfonso Gourié Álvarez eröffnete in Arucas die Fábrica de San Pedro – zunächst als Zuckerrohr-Fabrik, die Rum und Aguardiente als Nebenprodukte herstellte. Die Qualität überzeugte schnell: Bereits 1892, nur acht Jahre nach der Gründung, verlieh Königin-Regentin María Cristina von Österreich der Fabrik den begehrten Titel Proveedor de la Real Casa y Corte española – Hoflieferantin des spanischen Königshauses. Das war kein Marketing-Gimmick: Es war ein echter Qualitätsbeweis.
In den 1940er Jahren entstand unter Alfredo Martín Reyes der Markenname Ron Arehucas – benannt nach dem Ureinwohner-Dorf Arehucas, auf dessen Gelände Arucas steht. Das Erkennungszeichen: die Schlüssel des heiligen Petrus auf den Etiketten, weshalb der Rum im Volksmund „el de las llaves“ (der mit den Schlüsseln) hieß. 1965 Umbenennung in Destilerías Arehucas; 2006 Übernahme der Artemi-Destillerie – Arehucas wurde zur größten Spirituosen-Gruppe der Kanarischen Inseln.
| 16. Jh. | Zuckerrohranbau; erste Aguardiente-Destillation als Nebenprodukt |
|---|---|
| 9. Aug. 1884 | Gründung Fábrica de San Pedro (Alfonso Gourié Álvarez), Arucas |
| 1885 | Erste Ernte: 5.619.540 kg Zuckerrohr gemahlen |
| 1892 | Hoflieferantin (Königin-Regentin María Cristina von Österreich) |
| 1909 | Neuer Destillierapparat (Guillaume, Paris); noch heute im Betrieb |
| 1940er | Ron Arehucas als Markenname; „el de las llaves\u0022; Ron Miel als Produktlinie |
| 1965 | Umbenennung zu Destilerías Arehucas |
| 2006 | Übernahme Artemi; größte Spirituosen-Gruppe der Kanarischen Inseln |
Was Ron Miel ist – und was ihn von Rum unterscheidet
Rum-Likör vs. Rum
Ron Miel ist technisch kein Rum – er ist ein Rum-Likör. Der Unterschied: Reiner Rum (Carta Blanca, Carta Oro) ist ungesüßt, trockener Destillat mit 37,5–40% Alkohol. Ron Miel entsteht, indem dieser Rum mit kanarischem Bienenhonig vermischt wird – der Alkoholgehalt sinkt auf ca. 20–30%, und das Ergebnis ist süßer, glatter und zugänglicher als reiner Rum.
Das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche: Ron Miel ist der beste Einstieg in die kanarische Rum-Tradition – und wer mehr will, steigt auf den Carta Oro, Siete Años und Gran Reserva um. Diese zeigen, was die Destillerie wirklich kann.
| Basis | Kanarischer Zuckerrohr-Rum (Carta Blanca, 37,5%) |
|---|---|
| Honig | Kanarischer Bienenhonig; genaues Verhältnis Betriebsgeheimnis |
| Alkohol | Ca. 20–30% je nach Marke und Variante |
| Farbe | Goldgelb bis bernsteinfarben |
| Geruch | Honig, Vanille, leicht holzig |
| Geschmack | Süßlich-glatt; Honig dominiert; minimale Rum-Schärfe |
| Abgang | Warm, weich; kein Brennen |
Geschützte Spezialität der Kanarischen Inseln
Ron Miel ist weit mehr als ein Honiglikör mit Rum. Die Bezeichnung „Ronmiel de Canarias“ ist als geschützte geografische Angabe (IGP – Indicación Geográfica Protegida) in der Europäischen Union geschützt. Nur Spirituosen, die auf den Kanarischen Inseln hergestellt werden, einen Alkoholgehalt zwischen 20 und 30 % vol. besitzen und mindestens 2 % echten Bienenhonig enthalten, dürfen diese Bezeichnung tragen. Damit gehört Ron Miel zu den regional geschützten Spezialitäten der Kanaren – ähnlich wie bestimmte Weine oder Käsesorten.
Verkostung – alle wichtigen Marken im Vergleich
Ron Miel Arehucas – der Maßstab
Der Ron Miel Arehucas ist der Benchmark, an dem alle anderen gemessen werden: goldgelb, 20% Alkohol. Beim ersten Riechen: klares Honig-Aroma, eine leichte Vanillenote aus dem Fassholz, minimal Zuckerrohr. Im Mund: der Honig kommt sofort, aber nicht schwer. Die Süße ist rund, nicht kantig. Der Abgang ist warm und lang, ohne Alkohol-Brennen. Kein aufdringliches Süßlich – das ist der entscheidende Unterschied zu schlechten Honiglikören.
Bei Zimmertemperatur am besten. Auf Eis verliert er etwas Charakter – die Kälte dämpft die Honig-Aromen. Ein Glas nach dem Essen, pur, ist die kanarische Standardtrinkweise.
Ron Miel Doramas (Artemi)
Der Ron Miel Doramas – benannt nach dem legendären Guanchen-Heerführer Doramas, der den Spaniern lang widerstand – ist etwas süßer und runder als der Arehucas. Die Honignote ist intensiver, der Rum-Anteil tritt etwas zurück. Ideal für diejenigen, die es noch zugänglicher und süßlicher mögen. Weniger komplex als Arehucas, aber ehrlich und gut.
Ron Miel Guanche (Artemi)
Die zugänglichste Variante der Serie: sehr mild, sehr süß, fast schon confiserie-artig. Gut als erster Kontakt mit kanarischem Honigrum; für erfahrenere Gaumen etwas eindimensional. Als Cocktailbasis – z. B. in einem Punch – funktioniert er gut.
Handwerkliche Ron Miel Kleinproduzenten
Auf den Wochenmärkten (Teror sonntags, San Mateo samstags) findet man gelegentlich handwerkliche Varianten kleiner Produzenten: intensiverer Honigcharakter, manchmal mit Zimtzusatz, Kräutern oder lokalem Rum als Basis. Qualität variiert – aber wenn man einen guten erwischt, ist er unvergesslich. Direktkauf beim Produzenten immer am interessantesten.
Wie man Ron Miel trinkt
Die kanarische Art
Der Abschluss eines Essens in vielen traditionellen Restaurants auf Gran Canaria ist oft derselbe: Mit der Rechnung erscheint ganz selbstverständlich ein kleiner Chupito de la casa – ein Glas Ron Miel, das vielerorts als Zeichen der Gastfreundschaft kostenlos serviert wird. Nicht überall gehört dieser Brauch dazu, aber in vielen familiengeführten Lokalen ist er bis heute fester Bestandteil der kanarischen Esskultur.
Ron Miel con leche – der Hochland-Wärmer
Auf Bergabenden in Tejeda, Artenara oder nach einer langen Wanderung durch das Zentralmassiv: Ron Miel con leche. Ein Teil Ron Miel, drei bis vier Teile heiße Milch, eine Zimtstange dazu. Kein aufwändiger Cocktail – ein Hausgetränk. Das Ergebnis ist wärmer, runder und bergiger als pur.
Auf Eis mit Zitrone
Neben der klassischen Variante bei Zimmertemperatur wird Ron Miel auf Gran Canaria auch gerne con hielo y limón serviert – auf Eis mit einer dünnen Zitronen- oder Limettenscheibe. Die leichte Fruchtsäure nimmt dem Honig etwas Süße und macht den Likör besonders an warmen Sommerabenden angenehm frisch.
Cocktails mit Ron Miel
| Cocktail | Zubereitung |
|---|---|
| Ron Miel con leche | 1 Teil Ron Miel + 3–4 Teile heiße Milch + Zimtstange |
| Ron Miel Sour | 4 cl Ron Miel + 2 cl Zitronensaft + 1 cl Zuckersirup + Eis; shaken |
| Honey Collins | 4 cl Ron Miel + 2 cl Zitronensaft + Soda + Eis; im Glas aufbauen |
| Kanarischer Punch | Ron Miel + Orangensaft + Ananassaft + Eis; für Gruppen |
| Barraquito completo | Kanarischer Schichtkaffee: Kondensmilch + Espresso + Milch + Ron Miel als Schicht |
| Café Belmonte | Espresso, gezuckerte Kondensmilch und ein Schuss Ron Miel; eine beliebte kanarische Kaffeespezialität |
Während der Barraquito vor allem auf Teneriffa bekannt wurde, gehört der Café Belmonte auf Gran Canaria zu den beliebtesten Kaffeevarianten mit Ron Miel und wird in vielen Cafés und Restaurants angeboten.
Ron Miel als Einstieg in den kanarischen Rum
Wer über den Ron Miel hinaus den kanarischen Rum entdecken will, folgt diesem Pfad:
| Schritt | Produkt und Charakter |
|---|---|
| Einstieg | Ron Miel Arehucas – süß, mild, kein Vorwissen nötig |
| Erster Schritt | Carta Oro – leicht gereift, goldfarben, 37,5%, aromatischer; erster Kontakt mit echtem Rum |
| Vertiefung | Siete Años – 7 Jahre Eichenfass, 40%, karamellig-vanillig, komplex |
| Kenner-Level | Gran Reserva – lang gereift, limitiert, für echte Rum-Liebhaber |
Dieser Pfad führt von einem Likör zu einem ernsthaften gereiften Rum – und zeigt, dass Arehucas mehr ist als Ron Miel.
Häufige Fragen
Was ist der beste Ron Miel auf Gran Canaria?
Kann man Ron Miel auch warm trinken?
Was unterscheidet Ron Miel von Amaretto?
Ist Ron Miel auch für Kinder geeignet?
Was bedeutet „Ronmiel de Canarias“?
Wie trinken Einheimische Ron Miel?
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: Juli 2026.


