Geschichte Gran Canarias – der lange Weg zur Gegenwart
Die Geschichte Gran Canarias beginnt nicht mit Juan Rejón, der 1478 an der Mündung des Guiniguada landet und Las Palmas gründet. Und sie beginnt nicht mit Kolumbus, der 1492 auf dem Weg nach Amerika hier Station macht. Sie beginnt viel früher – mit Menschen, die wahrscheinlich aus dem Norden Afrikas kamen, irgendwann um die Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus, und auf einer Vulkaninsel mitten im Atlantik das Modell einer Gesellschaft entwickelten, das ohne Schrift, ohne Metallverarbeitung, ohne Kontakt zur übrigen Welt über Jahrhunderte funktionierte.

Diese Geschichte ist komplex, oft schmerzhaft und manchmal überraschend. Dieser Artikel erzählt sie in acht Epochen – von den Guanchen bis zum Weltkulturerbe, von der Conquista bis zum Tourismus-Boom.
Chronologischer Überblick
| Epoche | Ereignis |
|---|---|
| ~500 v. Chr. | Erste Besiedlung Gran Canarias – wahrscheinlich berberstämmige Einwanderer aus Nordafrika |
| Prähistorisch | Guanchen-Hochkultur: zwei Königreiche (Gáldar und Telde), Höhlenwohnungen, Terrassenfelder, Kultstätten |
| 24. Juni 1478 | Landung Juan Rejóns bei La Isleta; Gründung Real de Las Palmas (heute Las Palmas de Gran Canaria) |
| 1478–1483 | Conquista Gran Canarias: fünf Jahre Widerstand der Guanchen |
| Februar 1482 | Guanarteme Tenesor Semidán in Agaete gefangen genommen |
| 29. April 1483 | Kapitulation der letzten Guanchen in Ansite; Ende der Conquista |
| 1492 | Kolumbus macht auf seiner ersten Amerikareise Station in Las Palmas |
| 16.–18. Jh. | Kolonialzeit: Zuckerrohr, Sklavenarbeit, Kolonialarchitektur Vegueta |
| 19. Jh. | Freihafen; industrieller Aufschwung; Benito Pérez Galdós (1843 geboren) |
| 1890 | Hotel Santa Catalina in Las Palmas – erste Touristen-Infrastruktur der Insel |
| 1930 | Eröffnung des Flughafens Gando (heute Aeropuerto de Gran Canaria) |
| 1957 | Erster Charterflug nach Gran Canaria – Beginn des modernen Massentourismus |
| 1962 | Touristischer Erschließungsbeginn im Süden (Maspalomas, Playa del Inglés) |
| 2005 | UNESCO-Biosphärenreservat Gran Canaria (ca. 1/3 der Inselfläche) |
| 2019 | UNESCO-Weltkulturerbe: Risco Caído und die Heiligen Berge Gran Canarias |
1. Die Altkanarier – die ersten Bewohner Gran Canarias: Hochkultur ohne Schrift
Herkunft und Ankunft
Die Verbindung der Guanchen zu nordafrikanischen Berbervölkern ist heute wissenschaftlich weitgehend akzeptiert: Sprachliche Reste, Schädelformen, genetische Analysen und Kulturvergleiche weisen auf eine Herkunft aus dem Maghreb hin. Wann genau die ersten Menschen auf Gran Canaria ankamen, ist nicht sicher – die Schätzungen reichen von ca. 500 vor Christus bis zu wenigen Jahrhunderten vor der spanischen Conquista. Klar ist: Sie kamen ohne Rückkehrmöglichkeit. Eine Inselgesellschaft ohne Boote, die zu Nachbarinseln oder dem Festland fahren könnten – eine Isolation, die über Jahrhunderte anhielt.
Die Bewohner Gran Canarias werden heute häufig vereinfachend als „Guanchen“ bezeichnet. Historisch bezeichnete dieser Name jedoch ursprünglich die Ureinwohner Teneriffas. Auf Gran Canaria spricht die Forschung meist von den Altkanariern oder Canarios.

Zwei Königreiche
Auf Gran Canaria entstanden zwei politische Einheiten: das westliche Königreich mit der Hauptstadt Gáldar (arabisch: Agaldar) und das östliche mit der Hauptstadt Telde. Jedes wurde von einem Guanarteme – einem König – regiert. Die Gesellschaft war stratifiziert: Adel (Nobiles), freie Bauern und Sklaven. Frauen konnten religiöse Ämter innehaben (Harimaguadas – Priesterinnen). Die Wirtschaft basierte auf Viehzucht (Ziegen, Schweine), Ackerbau auf Terrassenfeldern und dem Anbau und Verarbeitung von Gerste zu Gofio – dem Grundnahrungsmittel, das bis heute existiert.

Materielle Kultur und heilige Orte
Die Guanchen hinterließen bemerkenswerte Zeugnisse: die geometrischen Wandmalereien der Cueva Pintada in Gáldar (entdeckt 1873, heute Archäologiepark), die Getreidespeicher des Cenobio de Valerón mit fast 300 in Tuffstein gehauenen Kammern, die Kultplätze auf dem Roque Bentayga (Almogarén – Opferstätten mit ausgehauenen Schalen) und die Höhlensiedlungen in Acusa, Artenara und dem Barranco de Guayadeque. Das gesamte Ensemble des Zentralmassivs – Roque Nublo, Roque Bentayga, die Höhlendörfer – war das religiöse und geographische Herzland beider Königreiche.
2. Die Conquista – fünf Jahre Widerstand
1478–1483: Drei Phasen der Eroberung
Gran Canaria war die letzte der Kanarischen Inseln, die vollständig unterworfen wurde – und die, die am längsten Widerstand leistete. Am 24. Juni 1478 landeten kastilische Truppen unter Juan Rejón bei La Isleta und gründeten die befestigte Siedlung Real de Las Palmas. Was folgte, waren fünf Jahre wechselnder Kämpfe, innerer Querelen im spanischen Kommando und zähen Widerstands der Guanchen.

Der entscheidende Wendepunkt kam im Februar 1482: Der Gouverneur Pedro de Vera (seit 1480 im Amt) ließ den westlichen Guanarteme Tenesor Semidán in Agaete gefangen nehmen. Tenesor Semidán wurde nach Kastilien gebracht, dem Königspaar vorgestellt, durch Kardinal Pedro González de Mendoza getauft – er erhielt den Namen Fernando Guanarteme – und kehrte zurück nach Gran Canaria. Als Vermittler überzeugte er die letzten Widerstandskämpfer, die sich in die Festung Fortaleza de Ansite im Süden zurückgezogen hatten, zur Aufgabe. Am 29. April 1483 kapitulierte der letzte Widerstand in Ansite. Im Januar 1484 wurde das Eroberungsheer aufgelöst.
| 24. Juni 1478 | Landung Juan Rejóns; Gründung Real de Las Palmas |
|---|---|
| 4. Feb. 1480 | Pedro de Vera zum Gouverneur ernannt |
| Frühjahr 1481 | Castilische Truppen besiegen Doramas, Heerführer der Guanchen, in der Schlacht bei Arucas |
| Februar 1482 | Guanarteme Tenesor Semidán gefangen; Taufe; Vermittlerrolle |
| 29. April 1483 | Kapitulation in Ansite – Ende der Conquista |
Die Folgen der Conquista
Die Konsequenzen waren für die Guanchen verheerend. Eingeschleppte Krankheiten, Sklaverei, Vertreibung vom Land und erzwungene Assimilation dezimierten die Bevölkerung innerhalb weniger Generationen. Die kanarische Sprache verschwand – von ihr sind heute nur wenige Hundert Wörter in spanischen Chroniken überliefert. Was blieb: Ortsnamen (Tejeda, Agaete, Telde, Güigüí, Tamadaba), das Grundnahrungsmittel Gofio, die Höhlenwohnungen und die Landschaftsstruktur des Zentralmassivs.
3. Kolumbus und die Atlantikroute
Im Jahr 1492 ankerte Christoph Kolumbus auf seiner ersten Reise nach Amerika im Hafen von Las Palmas. Er besuchte die Insel ein weiteres Mal auf der Rückreise – Gran Canaria wurde so zum wichtigsten Versorgungspunkt der spanischen Atlantikrouten. Das Casa de Colón in Vegueta, heute Museum, erinnert an diesen historischen Zusammenhang. Kolumbus soll von hier aus – nach der Reparatur seiner Karavelle Pinta – auf dem Anker befestigt die Überfahrt abgewartet haben.

Die geographische Lage Gran Canarias – nahe der afrikanischen Westküste, auf den Passatwinden nach Amerika – machte Las Palmas im 16. und 17. Jahrhundert zur bedeutendsten Durchgangsstation des Atlantiks. Schiffe auf dem Weg nach Westindien, Südamerika und später auch nach Westafrika machten hier Halt. Der Wohlstand dieser Transitrolle spiegelt sich bis heute in der Kolonialarchitektur Veguetas.
4. Kolonialzeit – Zucker, Wein und Architektur
Das 16. und 17. Jahrhundert brachten Zuckerrohranbau, Sklavenarbeit und die Entstehung der Kolonialarchitektur, die heute das Bild von Vegueta, Teror, Agüimes und Telde prägt. Gran Canaria wurde zum wichtigsten Zuckerrohrproduzenten des Atlantiks – bis karibischer Zucker den kanarischen verdrängte. Danach übernahm der Weinanbau, bis auch dieser Markt zusammenbrach.

In dieser Zeit entstanden die Kathedralen, Herrenhäuser und Kolonialbauten, die Gran Canaria heute als Kulturerbe besitzt: Die Kathedrale Santa Ana in Las Palmas (Baubeginn 1497), die Kolonialstraßen Veguetas, die Kirche San Juan Bautista in Telde mit dem Cristo de los Dolores (ein Kruzifix aus Maiskolbenteig, gefertigt von mexikanischen Missionaren im frühen 17. Jahrhundert – eine der ungewöhnlichsten sakralen Kunstwerke Spaniens). Sir Francis Drake versuchte 1595, Las Palmas einzunehmen – und scheiterte.
5. Das 19. Jahrhundert – Freihafen und Pérez Galdós
Im 19. Jahrhundert wurde Gran Canaria zum Freihafen – eine steuerliche Sonderzone, die internationalen Handel anzog und den Grundstein für den heutigen wirtschaftlichen Status der Insel legte. Gleichzeitig erlebte die Insel einen kulturellen Aufstieg: Benito Pérez Galdós, geboren am 10. Mai 1843 in Las Palmas de Gran Canaria, wurde einer der bedeutendsten Romanautoren des spanischsprachigen 19. Jahrhunderts – mit Episodios Nacionales und Romanen wie Fortunata y Jacinta, die Zola und Dickens als Referenz hatten. Das Teatro Pérez Galdós in Triana trägt seinen Namen.

Ende des 19. Jahrhunderts kamen erste Touristen – hauptsächlich Engländer auf Dampfschiffsrouten, die Gran Canaria als Rekonvaleszenz-Ziel für Lungenkranke entdeckten. Das Hotel Santa Catalina in Las Palmas (1890 eröffnet) ist das älteste noch aktive Hotel der Insel aus dieser Epoche.
6. Das 20. Jahrhundert – Flughafen, Bürgerkrieg, Tourismus-Boom
1930: Der Flughafen
1930 wurde der Flughafen Gando eröffnet – der heutige Aeropuerto de Gran Canaria. In den ersten Jahren blieb er ohne große touristische Bedeutung; die Weltkriege und der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) unterbrachen jede wirtschaftliche Entwicklung. Gran Canaria war im Bürgerkrieg zunächst republikanisch kontrolliert, fiel aber schnell an Francos Nationalisten.
1957: Der erste Charterflug
Der moderne Massentourismus auf Gran Canaria begann 1957 mit dem ersten Charterflug. Das Ziel war zunächst Las Palmas und die Playa de Las Canteras im Norden. Ab 1962 wurde auch der Süden erschlossen: Maspalomas, Playa del Inglés – damals ein karger, halbwüstenhafter Küstenstreifen, heute das touristische Herzland der Insel. Die Entwicklung verlief rasant: Innerhalb von zwei Jahrzehnten wuchs aus sandigem Dünenland ein internationales Urlaubszentrum.
| 1957 | Erster Charterflug nach Gran Canaria – Beginn des modernen Massentourismus |
|---|---|
| 1960er | Touristischer Aufbau in Las Palmas und an der Playa de Las Canteras |
| 1962 | Beginn der touristischen Erschließung des Südens (Maspalomas, Playa del Inglés) |
| 1970er | Bau großer Hotelanlagen in Maspalomas und Puerto Rico |
| 1980er | Yumbo-Zentrum in Playa del Inglés – Beginn der LGBTQ+-Szene auf der Insel |
7. Biosphärenreservat und UNESCO-Weltkulturerbe
1994 wurde Gran Canaria als Biosphärenreservat von der UNESCO anerkannt. Das Schutzgebiet umfasst etwa ein Drittel der Inselfläche – vorwiegend das Zentralmassiv, den Naturpark Tamadaba, die Küstenabschnitte des Westens und Teile des Südens. Das Biosphärenreservat hat keine eigene Verwaltung; es bezeichnet ein Gebiet, das ökologisch besonders wertvoll ist und nachhaltig bewirtschaftet werden soll.

2019 kam der nächste internationale Schutzstatus hinzu: Das Ensemble „Risco Caído und die Heiligen Berge Gran Canarias“ wurde als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Es umfasst die prähistorischen Kultstätten, Höhlenwohnungen und Naturdenkmäler der Guanchen im Zentralmassiv – ein Erbe, das Jahrtausende vor der Conquista entstand und bis heute sichtbar ist.
8. Gran Canaria heute
Heute ist Gran Canaria eine der meistbesuchten Urlaubsinseln Europas – mit jährlich mehreren Millionen Touristen, einer lebendigen Metropole in Las Palmas (die sich eine Hauptstadtrolle mit Santa Cruz de Tenerife teilt) und einem Zentralmassiv, das im direkten Kontrast zu den Küstenresorts steht. Die Spannung zwischen Massentourismus und Naturschutz, zwischen modernem Leben und jahrtausendealter Höhlenwohnkultur, zwischen Las Palmas und Tejeda – das ist das Gran Canaria der Gegenwart.

Die Geschichte der Insel ist keine abgeschlossene Erzählung. Die Guanchen-Stätten sind Weltkulturerbe; das Biosphärenreservat schützt das Ökosystem; der Roque Nublo bekommt Besucherzahlen-Obergrenzen. Gleichzeitig wächst Las Palmas, werden im Süden neue Hotels gebaut, und kommen jedes Jahr mehr Menschen, die den „Kontinent im Kleinen“ entdecken wollen. Wie diese Spannung aufgelöst wird – das ist die Geschichte, die Gran Canaria gerade schreibt.
Häufige Fragen zur Geschichte Gran Canarias
Wer waren die Guanchen auf Gran Canaria?
Wann wurde Gran Canaria von Spanien erobert?
Was hat Kolumbus mit Gran Canaria zu tun?
Wann begann der Tourismus auf Gran Canaria?
Ist Gran Canaria ein UNESCO-Weltkulturerbe?
Warum spricht man auf Gran Canaria oft von den Guanchen?
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: Juli 2026.


